Es gibt immer eine Möglichkeit weiterzugehen ...

Ich wuchs im Süden von Kärnten als drittes und jüngstes Kind unserer Familie auf. In meinem 7. Lebensjahr hat sich durch den Unfalltod meines Bruders plötzlich alles verändert. Meine Eltern konnten mit der Situation nicht umgehen. Vor allem meine Mutter war wie versteinert – von dem Tag an lachte sie nie mehr wieder. Sie zog sich in ihre eigene Welt zurück und ich hatte das Gefühl, nicht mehr zu dieser Welt zu gehören.
Unser Familienleben wurde für mich unerträglich, keiner sprach über den Tod meines Bruders, es lag einfach ein dunkler Schatten über uns. Ich erlebte wie sich meine Eltern immer weiter voneinander entfernten und der Alltag war nur noch von Schwere, Trauer und Tränen geprägt. Der Schmerz und die Ohnmacht wurden bei meinem Vater durch Alkohol und bei meiner Mutter durch Flucht in die Arbeit verdrängt.
 
 
 



Freude und Leichtigkeit
im Leben wieder wahrnehmen.
Der nächste Schicksalsschlag
Das führte dazu, dass meine Mutter schließlich krank wurde und nach einiger Zeit, als ich 14 Jahre alt war, starb. Der nächste Schlag – der nächste große Verlust! Mein Vater versuchte mich zu schützen – er dachte es wäre das Beste auch diesen Verlust zu verdrängen. So durfte ich meine tote Mutter nicht mehr sehen – ich konnte mich nicht von ihr verabschieden. Mein Vater hatte einfach nicht die Kraft, meinen Schmerz zu ertragen, daher reagierte er mit Ohnmacht und Hilflosigkeit, die wiederum zu mehr Alkohol und zur Verdrängung führten. Meine Reaktion auf den Tod meiner Mutter war ebenso eine Flucht – ich begann mich für andere Menschen aufzuopfern. Ich versuchte meinen Vater zu „retten“, suchte mir Freunde, die große Probleme hatten. Damit konnte ich von meinem inneren Schmerz ablenken. So durchlebte ich meine Jugend und das Erwachsenwerden fremdbestimmt und mit einer versteinerten, verschlossenen Gefühlswelt. Immer mit dem gleichen Muster – Aufopferung für andere – ohne meine eigenen Gefühle wahrzunehmen. Ich führte ein leidvolles Leben ohne Leichtigkeit oder Freude.

Ich spürte mich nicht mehr!
Bis zu dem Tag, als ich die Nachricht bekam, dass auch
mein Vater sehr krank sei und sterben würde. Jetzt war der Moment gekommen wo ich spürte, dass ich nicht mehr wollte. Der ganze unterdrückte Schmerz kam hoch und nahm mir meinen letzten Lebenswillen. Glücklicherweise war aber noch ein Funken Hoffnung in mir, der mich dann zu einer Trauertherapeutin gebracht hat. In kleinen Schritten habe ich gelernt, mir alle meine verdrängten Gefühle bewusst zu machen. Den Schmerz, die Wut, die Ohnmacht und die Hilflosigkeit anzusehen um sie als Anteile in mir zu integrieren. Durch diese Arbeit konnte ich dann auch langsam das kommende Sterben meines Vaters annehmen. Ich lernte was es heißt, sich bewusst zu verabschieden. Bis zum tatsächlichen Tod erlebte ich eine traurige aber sehr intensive Zeit mit meinem Vater. Wir weinten gemeinsam über schmerzvolle Erfahrungen und lachten aber auch über schöne gemeinsame Erlebnisse. So konnte ich schließlich sehr bewusst und schön Abschied nehmen und spürte zum ersten Mal in meinem Leben, was es heißt „Durch das Tal der Tränen zu Frieden, Freiheit und Freude zu gelangen.“

Tiefe Selbsterfahrung
Danach begann ich mit meinen Ausbildungen und einer Zeit mit sehr viel tiefer Selbsterfahrung und Auseinandersetzung mit dem Leben.

 

Portrait "Ulrike Neff"

von Tamara Neff, Marie Parth - im Rahmen eines Schulprojektes an der CHS Villach.

 

Heute kann ich, aus meiner eigenen Erfahrung und dem vielen Schmerz, den ich bei den Menschen gesehen habe, sagen:

»Es gibt eine Möglichkeit aus dem Schmerz, der Trauer, der Hilflosigkeit und Ohnmacht in ein selbstbestimmtes, leichtes und freudvolles Leben zu gehen.«